Eigentlich kommt man mit den Öffis ganz gut über die Insel. Zumindest dann, wenn man sich entlang der Küste aufhält. Sobald man sich vom Wasser entfernt und weiter in die Berge will, machen sich die Bushaltestellen rar. Aus diesem Grund hab ich mich dann doch relativ spontan für einen kleinen Mietwagen entschieden. Mit dem Fiat 500 komme ich so bequem zu abgelegenen Wanderparkplätzen.

Für diesen Urlaub habe ich nicht wirklich was geplant. Wenn ich morgens auf dem Klo hocke, scrolle ich auf dem Handy über die Karte und entscheide spontan, wo ich hinfahren möchte. Das heutige Ziel habe ich bei Google Maps mit der Markierung als Wandergebiet gefunden. Es soll hier einen Rundwanderweg geben und eines der Fotos zeigt einen kleinen Staudamm. Sieht schön aus, also fahre ich dorthin.
Den ersten Teil der Strecke laufe ich auf festen Wegen entlang saftig grüner Hügel. Hinter jeder Ecke vermute ich ein Hobbit-Haus. Das Wetter ist, wie jeden Tag, ein Glücksspiel. Es gibt hier ein Sprichwort, das sagt, dass man in einer Stunde alle vier Jahreszeiten erleben kann. Heute habe ich Glück. Die Wanderung startet im Regen, wird dann aber immer sonniger.

Irgendwann verlasse ich den Asphalt und stapfe wieder durch den Matsch. Von dem Gedanken, dass ich hier irgendeine Wanderung mit trockenen Füßen beende, habe ich mich bereits verabschiedet. Unter mir höre ich das Wasser rauschen. Ein kleiner Fluss bahnt sich dort den Weg durch ein Tal. Nach einer Biegung sehe ich dann den Staudamm von dem Foto und mache natürlich selbst eins.

Der Weg führt mich weiter grob flussabwärts, geht aber erstmal wieder vom Wasser weg. Statt dem Fluss folge ich nun einem Rohr. Wofür das wohl da ist? Vielleicht Trinkwasser aus den Bergen für Ribeira Grande? Würde von der Richtung her passen.

Ich folge dem Rohr weiter bergab. Hin und wieder muss ich die Rohrseite wechseln. Dafür wurden extra kleine Treppen installiert. Der Zollstock, den ich natürlich immer in meinem Wanderrucksack habe, sagt mir, dass das Rohr einen 600mm Durchmesser hat. Was für ein Rohr!

Der Weg führt mich immer weiter bergab. Durch das viele Laub und Geäst auf dem Boden finde ich guten Halt auf dem sonst schlammigen Untergrund. Rechts und links von mir finden sich immer wieder kleine Löcher, aus denen schwefeliger Dampf steigt.

Das Rohr verschwindet irgendwann im Gestrüpp und ich kann meinen Weg auf einem festen Waldweg fortsetzen. Hier stehen wieder unzählige Bäume mit rostroter Rinde. Diese Farbe entsteht wohl durch einen Algenbewuchs aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit.

Ich kann hören, dass ich mich wieder dem Fluss nähere, und auch das Rohr taucht nach einer Weile wieder auf. Das Rohr fungiert offenbar auch als eine Brücke. Die Höhe ist für meine Höhenangst gerade noch erträglich. Mit beiden Händen am Geländer und den Blick nach vorne gerichtet überquere ich den Fluss auf dem Rohr.



Dann darf ich wieder ein gutes Stück am Rohr entlanglaufen, bis ich irgendwann wieder auf das Rohr klettern darf.

Vorsichtig laufe ich über das Gitter. Das ist mit den schlammigen Schuhen eine rutschige Angelegenheit. Rechts unter mir fließt das Wasser in eine langsam immer tiefer werdende Schlucht. Mir wird schlecht, als ich sehe, dass diese Schlucht zu einem Wasserfall führt, der senkrecht neben meinem Rohr in die Tiefe stürzt. 130 Meter, sagt mein Laserentfernungsmesser, den ich natürlich immer in meinem Wanderrucksack trage. Das Rohr wird an dieser Stelle wieder zur Brücke und führt über den Wasserfall. Ein wirklich schönes Foto konnte ich von dieser Stelle nicht machen. Ich hätte die Kamera ein größeres Stück über das Geländer halten müssen. Das ging aber nicht, weil ich dafür das Geländer hätte loslassen müssen. Wie lange ich da oben herumstand, weiß ich nicht mehr, aber es hat mich einige Zeit gekostet, den Mut zu finden, diese Schlucht zu überqueren.

Das Rohr wurde dann übrigens zum Fallrohr und ist dem Wasserfall fast senkrecht nach unten gefolgt. Ein schmaler, verschlammter, rutschiger Pfad führt nach unten. Mit zitternden Beinen mache ich mich an den Abstieg. Zurück möchte ich auf keinen Fall. Unten angekommen stehe ich vor einem Zaun, der vor den Weg gebaut wurde. Ein Schild auf der Rückseite warnt vor Erdrutsch. Man sollte da also besser nicht hochklettern.

Das Rohr endet in einem Haus. Darin steht eine Turbine, die mit dem Wasser 680 kW Strom erzeugt. Das sagt zumindest das Multimeter, das ich immer in meinem Wanderrucksack trage. Für den schönen Wasserfall hat sich die Mühe auf jeden Fall gelohnt. Und wie bei allen Wasserfällen stehen hier wieder Menschen rum, die Wasserfallselfies machen.


Wo kommen die ganzen Menschen auf einmal alle her? Natürlich gibt es keine 200 Meter von hier einen Parkplatz. Mein Auto steht allerdings irgendwo da oben. Ich finde einen anderen Weg, etwas abseits der Schlucht, der mich wieder bergauf führt. Einige Höhenmeter später bekomme ich nochmals einen Blick auf das Rohr.

Das war eine schöne Runde mit mehr Adrenalin, als ich wollte. Mein Hunger führt mich zu einer Kneipe in Ribeira Grande. Es ist Mittagszeit und kurz nach meiner Ankunft füllt sich der Laden mit Arbeitern, die hier Mittagspause machen.

Die Bedienung empfiehlt mir ein Tagesgericht. Ich verstehe nicht genau, was es ist, aber ich bestelle es einfach mal. Nach 5 Minuten steht ein Teller mit Bohneneintopf auf dem Tisch. Sehr lecker!


Was du alles in deinem Rucksack hast. Dann hattes du ja viel Aufregung heute und schläft die Nacht sicher gut.🥴
Hi Jens, hast du in deinem Rucksack auch eine 45.er Magnum oder ein Fahrtenmesser?
45 Magnum Eis und eine Reise-Motorsense. Kann diese Anschaffung nur empfehlen.